Experteninterview: Prof. Dr. Hendrik Schmitz, wenn das Gehirn in Rente geht

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Prof. Dr. Hendrik Schmitz: Wenn das Gehirn in Rente geht
Infografiken?
Herr Professor Schmitz, Ihre Forschung zeigt, dass sich der Ruhestand negativ auf die geistige Fitness im Alter auswirkt. Wie lässt sich das erklären?
Der wesentliche Faktor dürfte sein, dass das Gehirn davon profitiert, regelmäßig gefordert zu werden. Das nennt man auch die „Use-it-or-lose-it-Hypothese“. Dabei hilft nicht nur geistige Forderung im Beruf. Auch Personen, die eher Routinetätigkeiten im Job erledigen, profitieren von der beruflichen Tätigkeit durch die Struktur, die sie gibt. Weitere Faktoren sind – für die meisten Personen – ein regelmäßigerer sozialer Austausch im Berufsleben als im Ruhestand.
Sind diese Effekte für alle Menschen gleich oder gibt es Faktoren, die einen Unterschied machen?
Unterm Strich gilt: keine der von uns untersuchten Gruppen profitiert in Bezug auf die geistige Fitness vom Ruhestand, praktisch alle verlieren, aber in unterschiedlichem Maß. Menschen in kognitiv anspruchsvolleren Jobs verlieren durch den Ruhestand etwas stärker. In gewisser Weise wird das aber dadurch ausgeglichen, dass diese Personen seltener in Frührente gehen und auch eher über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus in kleinerem Umfang Tätigkeiten nachgehen, was sich positiv auf die kognitiven Fähigkeiten auswirkt.
Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigen, dass die Lebenszufriedenheit bei Menschen am höchsten ist, wenn sie im Ruhestand erwerbstätig sind. Sehen Sie hier einen Zusammenhang mit den „kognitiven Anforderungen“ einer Tätigkeit?
Zunächst mal müssen wir in der Tat als Gesellschaft dahin kommen, dass Menschen – wenn auch mit geringerem Pensum – auch erwerbstätig bleiben, wenn sie 67 Jahre alt sind. Das gebietet nicht nur die finanzielle Lage der gesetzlichen Rentenversicherung, die sich in den nächsten 10 Jahren dramatisch verschlechtern wird, wenn nicht gegengesteuert wird. Auch der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass ältere Menschen dem Arbeitsmarkt erhalten bleiben sollten. Dass das in Tätigkeiten, die eher kognitiv als körperlich anspruchsvoll sind, besser funktioniert und damit auch zu höherer Lebenszufriedenheit führt, ist nachvollziehbar. Aufgabe der Gesellschaft wird auch sein, für Menschen in körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten zum Ende ihres Erwerbslebens Jobs zu finden, die weniger körperlich anspruchsvoll sind, dafür stärker geistig. Die Pflegekraft kann und muss nicht bis 67 in ihrer Tätigkeit arbeiten, kann aber ganz sicher im Pflegemanagement und der -verwaltung wertvolle Dienste leisten.
Viele Menschen scheuen die Auseinandersetzung mit dem Ruhestand. Sie beginnen ihren Ruhestand „planlos“. Können Sie diese Scheu oder Trägheit erklären?
Natürlich ist der Ruhestand erstmal ein Einschnitt im Leben und in gewissem Grad scheuen wohl fast alle Menschen die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten. Für nicht wenige stiftet der Job zudem auch Sinn und Identität. Man sollte nicht unterschätzen wie wichtig es ist, gebraucht zu werden und die Auseinandersetzung mit einer Zeit, in der das – scheinbar! – nicht mehr der Fall ist, dürften viele scheuen. Und nicht zuletzt ist es auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Alterung, der wir gerne aus dem Weg gehen.
Was raten Sie Menschen am Ende ihres Berufslebens in Bezug auf den Ruhestand?
Noch während des Berufslebens soziale Kontakte jenseits des Jobs aufbauen und aufrechterhalten. Und natürlich frühzeitig die finanziellen Dinge verstehen und klären, die der Ruhestand mit sich bringt. Je früher man das macht, desto besser kann man den Übergang gestalten. Entweder weil man durch frühzeitige Beschäftigung mit dem Thema finanziell ein wenig privat vorgesorgt hat. Oder weil man versteht, dass eine Weiterbeschäftigung in geringem Umfang sinnvoll sein kann. Nicht nur finanziell, auch für die geistige Fitness!